Teil 1 / Einleitung unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts”

Machtverlust von gestandenen Führungskräften

Du liest hier den ersten Teil unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts“. Die Veröffentlichung weiterer Teile erfolgt erst täglich, später dann in wöchentlichen Abständen.

In diesem ersten Teil berichten wir in einem Praxisbeispiel von entmachteten Führungskräften.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Frauke Roloff,  inFraRot Transformation Design.

Was Machtverlust bei Menschen bewirkt

Im Rahmen einer privaten Feier waren Menschen anwesend, die fast kollektiv ihre Führungsfunktion verloren hatten. Das Unternehmen, für das sie arbeiteten, hatte sich entschlossen alle altgedienten Führungskräfte einer Hierarchieebene gegen jüngere Menschen in Führung auszutauschen. Statt Menschen mit 50+-Lebenserfahrung hat dieses Unternehmen jüngere Menschen um die 30 Jahre auf die Führungsposten gehoben. Die ehemaligen Führungskräfte behielten dabei allesamt ihre erworbenen finanziellen Ansprüche. Sie hatten nur plötzlich nichts mehr zu melden.

Selbst verstand ich damals noch nicht, was gerade mit den ehemaligen Führungskräften passierte, wie sie den Machtverlust persönlich erlebten. Ich kann aber sagen, dass die Stimmung trotz eines fröhlichen Anlasses auf der Feier unglaublich schlecht war. Da ich ergründen wollte, was passiert war, unterhielt ich mich mit verschiedenen betroffenen Menschen. Sie wirkten alle irgendwie paralysiert, verletzt, angeschlagen. Kaum einer, durchweg männlich, war entweder Willens oder in der Lage, über das gerade Erlebte zu sprechen. Ich glaube, diese dem Unternehmen gegenüber hochloyalen Menschen empfanden es als absolute Demütigung, wie sie „einfach so“ zu Gunsten Jüngerer entmachtet worden waren.

Viele der ehemaligen Führungskräfte kündigten in den nächsten Jahren oder gingen in Frühverrentung. Einige blieben im Unternehmen. Allerdings habe ich keinen erlebt, der noch irgendetwas Herausragendes für das Unternehmen leistete.

Aus den fröhlichen Leuten, die ich kannte, die teils wirklich gute Führungskräfte waren, waren sehr stille Menschen geworden, die eine nichtheilende Wunde in sich trugen. Das Unternehmen hat diese ehemaligen Führungskräfte mit ihren negativen Gefühlen allein gelassen. Es hatte sie nicht vorbereitet und in ihrer Entwicklung nicht unterstützt. Die Geschäftsführung hatte wohl gedacht, dass das unnötig wäre. War es aber nicht.

Die ehemaligen Mitarbeiter:innen dieser Führungskräfte reagierten unterschiedlich. Natürlich waren einige froh über den Wechsel ihrer jeweiligen Führungskraft. Nicht jede:r mag seinen/ihren Chef. Aber selbst Mitarbeitende, die ihre Führungskraft nicht leiden konnten, waren mindestens irritiert. Sie wussten nicht, was das jetzt für sie selbst, ihre eigene Arbeit und das Unternehmen bedeutete, dass eine ganze Führungsriege degradiert wurde. Dazu kamen die Mitarbeitenden, die ihre Teamzusammensetzung samt Führungskraft als sehr gut empfanden. Sie fragten sich, was die ausgewechselten Führungskräfte wohl verbrochen hätten und welche Informationen man ihnen als Mitarbeitende jetzt verheimlichte. In den Teams wurde mal laut, mal leise überlegt, ob das noch ein Ort wäre, an dem man arbeiten wolle, wenn so mit Menschen umgegangen werden würde. Und viele fühlten sich orientierungs- und führungslos.

Ich habe die Entwicklung des Unternehmens noch länger verfolgt. In der oberen Ebene (sie war von dem Wechsel nicht betroffen) wurde nicht mehr über „früher“ gesprochen. Man wollte nur noch nach vorne sehen und sich wohl auch nicht mit den selbst gemachten Fehlern beschäftigen.

Das Unternehmen hat 20 Jahre und eine Menge Ressourcen gebraucht, um die grauen Schatten der Vergangenheit abzuschütteln. Selbst heute hängen die Schatten in Form der Unternehmenskultur noch über dem Unternehmen. Das Unternehmen hat überlebt, aber der Preis war hoch. Wäre damals nicht so unbedacht vorgegangen oder die gemachten Fehler rechtzeitig aufgearbeitet worden, hätte es das Unternehmen sicher leichter gehabt, einen neuen Weg in eine prosperierende Zukunft zu entwickeln.

Im 2. Teil unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts“ klären wir morgen, was Macht überhaupt ist.

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