Im vorangegangenen Teil unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts“ haben wir eine eigene Erfahrung mit Entmachtung geteilt. Heute in Teil 10 nutzen wir ein politisches Beispiel von Machtverlust, das alle Deutschen kennen.

Die folgende persönliche politische Meinung polarisiert womöglich. Sie spiegelt nicht unbedingt die Meinung des Unternehmens oder aller Mitarbeitenden und Partner:innen des Unternehmens wider.

Wie war das in der DDR? West und Ost wurden zusammengelegt. Dabei erschien die politische Ausrichtung zu sein: Was aus dem Osten kam, war schlecht. Was West war, war gut.
Als es dann Kindergartenplätze für alle gab, um ein Beispiel zu nennen, galt das als Verdienst unserer damaligen Familienministerin, heutigen Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen. Dass Kindergartenplätze für alle in der DDR schon lange üblich waren, hätte man als Inspirationsquelle nennen können. Wenn innerhalb der DDR Familien von einem Ort in den anderen umzogen, konnten die Schüler:innen problemlos die Klasse wechseln. Versucht das heute mal bei einem Umzug von Hamburg nach München.

Dabei kam aus der DDR viel mehr als der grüne Abbiegepfeil. Aber die dortigen Errungenschaften wurden nicht gewertschätzt. Die Politik der DDR wurde als Maßstab für die Unfähigkeit gesetzt. Das verlorene Schaf war zurück.

Tatsächlich ist in vielen Köpfen bei der DDR das Bild von der „Poor Dog“ der BRD entstanden. Die neuen Bundesländer wollte man zwar als Absatzmarkt haben und sie gehören (von wenigen Exiljahren abgesehen) zu Deutschland, aber die Haltung war: sie kosteten Geld und waren trotzdem permanent unzufrieden. Auch hier hat Machtverlust stattgefunden. Ein ganzes Volk wurde kollektiv entmachtet, erlebte Bedeutungs- und Kontrollverlust.

Das Tafelsilber der DDR wurde von der Treuhand verscherbelt. Gleichzeitig kauften die Westbürger Immobilien und vieles mehr anfangs zu Spottpreisen. Betriebe wurden geschlossen, das Know How, Maschinen und Material wurde mitgenommen, sofern die Sowjets es nicht längst mitgenommen hatten oder verkommen ließen. Viele Menschen wurden arbeitslos.

Auto- und Versicherungsverkäufer aus dem Westen schwärmten aus und verkauften an die neuen Bürger, was immer sie ihnen aufschwatzen konnten. Häufig zu überhöhten Preisen.

Die Menschen der fünf neuen Bundesländer wurden nicht geschützt und auch nicht ernst genommen. In Folge ging, wer konnte, rüber in den Westen. Der Exodus Anfang der 90er Jahre hat viel Vertrauen zerstört, das auch heute noch nicht wiederhergestellt ist.

Niemand den ich kenne, wollte Mitleid. Sie wollten Wertschätzung für das kulturell und persönlich Geleistete. Die neuen Bundesbürger wollten fair und aufrichtig behandelt werden und ein Gesprächspartner auf Augenhöhe sein. Das wurde ihnen von Regierungsseite nicht geboten.

Heute mehren sich die Proteste in den ostdeutschen Ländern, trotz steigenden Einkommen. Extreme Parteien haben deutlich mehr Zulauf, als im Westen. Der Osten Deutschlands ist auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung nicht auf Augenhöhe unterwegs. Daran hat auch eine ostdeutsche Kanzlerin nicht viel geändert.

Ich bin nicht persönlich betroffen. Ich war ein „Westkind“. Ich habe mich geschämt, wie wir mit den Errungenschaften des Ostens umgegangen sind, wie ihn die Bundesrepublik kleingehalten hat. Wir müssen uns nicht wundern über die Proteste. Wir haben vor über 30 Jahren den Grundstein selbst gelegt, und die Entmachtung des Ostens hingenommen und später als Deutsche Kultur nicht gemeinsam verarbeitet.

Wäre den fünf neuen Bundesländern von vornherein auf Augenhöhe begegnet worden, hätten wir heute ein anderes Bild einer gesamtdeutschen Gemeinschaft. Auch diese Form von Bedeutungsverlust ist ein Beispiel von unverarbeitetem Machtverlust.

Autorin: Frauke Roloff

Im 11. Teil unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts stellen wir den Zusammenhang der Beispiele zur aktuellen Situation in Unternehmen her.

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