COVID als Machtdieb

Im gestrigen Artikel unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts“ haben wir behandelt, warum die Ursache „Machtverlust“ für viele Probleme in Unternehmen so lange unentdeckt blieb.
Heute in Teil 5 klären wir, wie COVID zur Entmachtung der Führungskräfte beigetragen hat.

Wie hat COVID zur Entmachtung von Führungskräften beigetragen?

Die Pandemie hat viele Mitarbeitende ins Homeoffice geschickt. Auch Unternehmen, die sich der Arbeit im Homeoffice bis zum März 2020 komplett verschlossen hatten, waren plötzlich darauf angewiesen, ihre Mitarbeitenden von einem Tag auf den nächsten zu Hause arbeitsfähig zu machen. Was bis dahin undenkbar schien, war plötzlich Realität. Viele Unternehmen waren darauf überhaupt nicht vorbereitet. Es grenzt an Wunder, dass es nicht schon 2020 zu viel mehr Cyber Incidents, also IT-Sicherheitsvorfällen gekommen ist. Die Kriminellen waren von der Pandemie offensichtlich ebenso überrascht worden, wie der Rest der Welt.

Es liegt auf der Hand, dass Mitarbeitende, die aus dem Homeoffice arbeiten, nicht so kontrollierbar sind, wie Menschen, die im Unternehmen selbst präsent sind. Manche Führungskräfte argumentierten gegen das Homeoffice (und tun es noch heute) mit der Begründung, dass die Leute während der Arbeitszeit jetzt doch nur Wäsche waschen und Pause machen würden. Zahlen widerlegen dies und doch wird weiter behauptet, Mitarbeitende im Homeoffice arbeiteten nicht effizient.

Der Kontrollverlust durch das Homeoffice ist mutmaßlich für viele Führungskräfte ein viel größeres Problem als es die tatsächlichen Freizeitaktivitäten ihrer Mitarbeitenden sind. Dazu ein paar Zahlen aus aktuellen Studien:

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln gaben nur 13 Prozent der Betriebe eine Verschlechterung der Produktivität aufgrund des Homeoffice an. Zu dieser führten dabei laut Studie vor allem unklare Anforderungen, uninteressante Aufgaben und eine unzureichende technische Ausstattung. Also auch aus Betriebssicht Klärungsbedarf auf Arbeitgeberseite und nicht das Aufhängen von Wäsche während der Arbeitszeit.

Laut einer Deloitte-Studie nehmen rund 60 Prozent der befragten Unternehmensvertreter eine gestiegene Produktivität durch das Homeoffice wahr, nur sechs Prozent einen Rückgang. Diese und ähnliche Studien belegen, dass es nicht am Engagement im Homeoffice liegen kann, wenn die Produktivität leidet.

Bei den Beschäftigten selbst sagen zwei Drittel, dass sie nur deshalb nicht von zu Hause arbeiten, weil Vorgesetzte Anwesenheit erwarten, obwohl 60 Prozent glauben, die Arbeit daheim sogar effektiver organisieren zu können als im Betrieb (Quelle: Hans Böckler Stiftung).

Schon im November 2020, zu Hochzeiten der Pandemie, arbeitete trotzdem nur ein niedriger zweistelliger Prozentsatz der Mitarbeitenden tatsächlich vollständig im Homeoffice, obwohl die Politik dafür plädiert hatte. Dies gilt zumindest in kleineren Unternehmen. In Unternehmen mit Betriebsrat war die Quote höher.

Wenn Führungskräfte nicht vorbereitet sind, jetzt einen enormen Schub von Macht- und Kontrollverlust zu erleben, den sie nicht wollen, weil sie den Nutzen nicht sehen, geht die Sache schief.

Bisher war der Machtverlust der Führungskräfte schleichend, die Symptome diffus und konnten oder wurden häufig ignoriert. Das geht heute nicht mehr.
Durch die Pandemie ist „New Work“ notwendiger denn je und das hat die oben genannten Symptome verstärkt.

Dass auch der Fachkräftemangel Ignoranz gegenüber dem „neuen Normal“ nicht mehr zulässt, kommt ebenso obendrauf, wie dass die technischen Möglichkeiten viel besser geworden sind. Die Leute wollen von zu Hause arbeiten dürfen (nicht gleichzusetzen mit „müssen“). Die Ausreden gegen das Homeoffice im Allgemeinen werden also dünner.

Aber wie soll jemand Kontrolle ausüben, wenn die Leute nicht vor Ort sind? Das ist nur schwer möglich, höchstens durch ein kontrollierendes Berichtswesen. Das wiederum beruhigt vielleicht die Führungskraft in ihrem Machtbestreben, hält die Mitarbeitenden aber von ihrer eigentlichen Arbeit ab und sorgt für Frust.

Die Arbeit im Homeoffice verlangt statt dessen Vertrauen in die Mitarbeitenden und ihren Arbeitswillen, ihr Engagement. Das ist eine andere Art der Führung, die einen neuen Mindset, eine veränderte Haltung verlangt.

Wie Menschen auf Machtverlust reagieren, beleuchten wir in Teil 6 unserer Serie. Wir freuen uns, wenn Du wieder dabei bist. Abonniere den Newsletter, wenn Du keine Folge verpassen möchtest.

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