Gefühle bei Machtverlust

Im vorangegangenen Artikel unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts“ haben wir behandelt, wie COVID zur Entmachtung der Führungskräfte beigetragen hat.
Heute in Teil 6 klären wir, wie Menschen auf Machtverlust reagieren.

Wie reagieren Menschen auf Machtverlust?

Selbst Menschen, die von ihrer Natur her nicht machtmotiviert sind, fällt es schwer Macht abzugeben, wenn sie erst einmal vorhanden war. Es muss Raum geschaffen werden, diesen Verlust professionell zu verarbeiten.

Menschen erleben bei Macht- bzw. Kontrollverlust unter anderem Gefühle wie Angst, Schmerz und Scham, aber auch Frustration, Wut und ggf. den Wunsch nach Rache. Diese Gefühle werden kompensiert. Wie sie kompensiert werden, hängt von dem einzelnen Menschen, seiner persönlichen Motivation und der ihn umgebenden Unternehmenskultur zusammen. In der Regel kombinieren sich einige der im Folgenden genannten Symptome.

Kontrolle

Statt zu Vertrauen wird bei Machtverlust häufig ein Übermaß an Kontrolle ausgeübt, um den Rest der Macht zu erhalten. Das zeigt sich besonders bei der Arbeit im Homeoffice. Mitarbeitende im Homeoffice zu führen bedeutet, keinen direkten Zugriff auf sie zu haben. Ein Symptom für „Kontrolle“ ist, dass Berichte und Ausarbeitungen verlangt werden, die dem Unternehmen keinen sichtbaren Nutzen bringen, nur dem Kontrollerhalt dienen. Der Mitarbeitende hat dadurch weniger Zeit für seine eigentliche Arbeit, bei in der Regel gestiegenem Arbeitsaufwand. Die Arbeitsmotivation sinkt, die psychische Belastung steigt.

Vermeidung von Eigenverantwortung der Mitarbeitenden

Durch unbegleiteten Machtverlust entsteht die absurde Situation, dass das selbständige Entscheiden durch die Führungskräfte eingefordert wird, die getroffenen Entscheidungen aber kritisiert und in schlimmeren Fällen auch sanktioniert werden, wenn die Führungskraft selbst eine andere (nicht unbedingt bessere) Entscheidung getroffen hätte. Und selbst gut begründete Entscheidungen werden bemängelt, wenn die Führungskraft sich dadurch entmachtet fühlt, bzw. die Kontrolle zu verlieren meint.

Der/die Mitarbeitende auf der anderen Seite lernt dabei, dass es für die persönliche berufliche Zukunft im Unternehmen klüger ist, sich mit einer eigenen Meinung zurückzuhalten.

Cholerisches Verhalten:

Launisch bis cholerisch verhalten sich viele Führungskräfte, wenn sie Machtverlust erleben. Das kann daran liegen, dass die Führungskraft nicht versteht, was gerade mit ihr passiert. Sie war erfolgreich mit ihrem bisherigen Verhalten und ist es jetzt nicht mehr. Es ist auch der Versuch, die Macht irgendwie zu erhalten. Choleriker sind selten schlechte Menschen. Aber sie verursachen großen Schaden. Manchmal hilft ein Coaching. Betrifft das Problem aber nicht nur die einzelne Führungskraft, sondern ist ein Symptom für eine krankmachende Unternehmenskultur oder die Probleme des Unternehmenssystems als Ganzes, werden die eigentlichen Probleme bleiben.

Sexueller Übergriff

Sexueller Übergriff ist oft ein Ausdruck von Machterleben. Es geht in erster Linie nicht um die Befriedigung des Sexualtriebs, sondern um das Ausleben des Gefühls von Macht. Das ist in der Kirche und im Leistungssport ebenso vertreten, wie in Unternehmen. Überall, wo Menschen Macht haben, ist sexueller Übergriff zu befürchten. Wenn Führungskräfte nun Macht verlieren, kompensieren einige die neue Machtlosigkeit mit absolut unakzeptablem Verhalten, wie anzüglichen Bemerkungen oder sogar unsittliche Berührungen. Natürlich gibt es überall schwarze Schafe, die mit der Institution selbst nichts zu tun haben. Dafür gibt es keine Entschuldigung, aber es ist – sofern es sich nicht um absolute Einzelfälle handelt, die sofort aufgearbeitet werden – ein Symptom, dass im Unternehmen etwas nicht rund läuft.

Krankheit

Die Seele sucht sich ihren Weg. Das Gefühl des Machtverlusts kann in psychischen, wie auch physischen Krankheiten münden. Von Depression/Burnout bis zu realen physischen Erkrankungen ist alles möglich. Nicht nur, dass das für den Menschen und sein Umfeld schrecklich ist, es fällt auch, ganz pragmatisch, eine gut bezahlte Arbeitskraft langfristig aus, wenn durch Nichtbeachtung der sich ergebenden Probleme gegen § 4 Nr. 1 des Arbeitsschutzgesetzes gegen den Grundsatz zur Vermeidung gesundheitlicher Belastungen verstoßen wird.

Zynismus

„Mal sehen, ob Du das diesmal auf die Reihe bringst. Letztes Mal war ja nicht so doll.“ Durch zynische Bemerkungen wird Widerstand geweckt. Das Symptom Zynismus ist die erste Konfliktstufe und führt, sofern nicht sofort gegengesteuert wird, schleichend in verhärtete Konflikte und nachlassende Arbeitsleistung.

Geheimwissen

Wissen ist Macht. Um Macht zu erhalten, ist die Anhäufung von „Geheimwissen“ eine häufige Methode. An die Stelle der notwendigen Transparenz im digitalen Zeitalter tritt Opazität ein. Opazität bezeichnet das Gegenteil von Transparenz, also mangelnde Durchsichtigkeit bzw. mangelnde Durchlässigkeit. Dadurch geschieht alles Wichtige im Heimlichen. Die Arbeit wird massiv behindert. Nur, wer im loyalen „Inner Circle“ ist, kann noch mitreden. Wenn die Führungskraft oder Mitarbeitende aus dem Inner Circle krank werden oder das Unternehmen z.B. im Rentenalter verlassen, nehmen sie das erworbene Wissen mit und hinterlassen eine schwer und teuer zu schließende Lücke.

In Teil 7 unserer Serie „Entmachtete Führung – und die Kompensation des Kontrollverlusts: „Wie Menschen auf Machtverlust reagieren.“ betrachten wir weitere Aspekte der Reaktion von Menschen auf Machtverlust. Es ist toll, wenn Du morgen wieder dabei bist. Abonniere den Newsletter, wenn Du keine Folge verpassen möchtest.

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